Ein Glosse zum Bürokratieabbau
Niemand bestreitet ernsthaft, dass Meere Schutz brauchen. Überfischung ist real, Bestände sind endlich, und wer glaubt, der Dorsch regle das schon selbst, hat vermutlich zu lange in der Sonne gesessen.
Die Frage ist nur: Braucht es dafür wirklich ein Regelwerk, das wirkt, als sei es von einer Behörde entworfen worden, die noch nie eine Angel, wohl aber sehr viele Sitzungen gesehen hat?
Denn irgendwo zwischen Brüssel, nationalen Ministerien, Landesbehörden und nachgeordneten Stellen ist etwas Magisches passiert:
Aus dem simplen Akt „Ich angle einen Fisch“ wurde ein mehrstufiger Verwaltungsprozess mit App-Pflicht, Datenübertragung und europäischem Erkenntnisinteresse.
📱 Die App – ein Fisch mit IT-Flossen
Die neue Melde-App für Freizeitangler ist dabei das Kronjuwel moderner Bürokratievermeidung.
Was sie genau gekostet hat?
Offiziell: schwer zu finden.
Was sie ganz sicher gekostet hat:
- Ausschreibungen
- Projektgruppen
- Lenkungskreise
- Unterarbeitsgruppen
- Workshops
- Evaluationen
- und mindestens ein PowerPoint-Deck mit dem Titel „Digitalisierung als Chance“
Wie viele Beamte und Angestellte EU-weit direkt oder indirekt daran arbeiten?
Auch hier gilt: keine öffentlich klar benannte Zahl – was erstaunlich gut zur Gesamtidee passt.
Aber Hand aufs Herz: Wenn ein einzelner Freizeitangler künftig jeden Wolfsbarsch digital meldet, dann ist klar, dass auf der anderen Seite niemand mit einem Notizblock sitzt. Dort sitzen Server, Administratoren, Datenanalysten, Kontrollinstanzen, Berichtsschreiber und Menschen, die erklären, warum es noch eine zweite App braucht, weil die erste nicht ganz EU-weit kompatibel ist.
Der Fisch schwimmt frei.
Die Daten schwimmen durch fünf Ebenen Verwaltung.
🗂️ Kontrolle ist gut, Kontrolle ist besser, Kontrolle ist EU-weit harmonisiert
Natürlich sagt niemand: „Wir wollen Angler gängeln.“
Man sagt: „Wir wollen Daten.“
Und Daten, so lernt man schnell, sind wie Fische: Hat man erst einmal ein Netz, will man es auch vollziehen.
Dass damit ein Freizeitangler, der einmal im Jahr an der Küste steht, administrativ fast so interessant wird wie ein Fangschiff, ist kein Kollateralschaden – es ist System.
Denn Bürokratie denkt nicht in Menschen, sie denkt in Fällen.
🐟 Und der Schutz der Bestände?
Der bleibt wichtig. Unstrittig.
Die eigentliche Frage ist nur:
Wird der Fischbestand besser geschützt, weil tausende Hobbyangler ihre Einzelfänge melden – oder weil man professionellen, industriellen Überfischungsstrukturen konsequent Grenzen setzt?
Niemand sagt, dass Daten schlecht sind.
Aber man darf fragen, ob mehr Daten automatisch mehr Schutz bedeuten – oder manchmal einfach nur mehr Auswertungen, mehr Berichte und mehr Begründungen für die nächste Verordnung.
🧾 Fazit
Die EU will die Meere retten – ein ehrenwertes Ziel.
Sie tut es auf die ihr vertraute Weise:
mit einem Regelwerk, das so feinmaschig ist, dass sich darin nicht nur Fische, sondern auch gesunder Menschenverstand verfangen können.
Der Angler steht am Wasser, die Natur ist still.
Dann vibriert das Handy:
„Bitte Fang melden.“
Der Fisch ist frei.
Die Bürokratie hat angebissen.