Elektromobilität wird nicht im Autohaus entschieden – sondern am Ladepunkt.

Warum Deutschland in Ladeinfrastruktur und faire Strompreise investieren muss – nicht in Kaufprämien

1. Executive Summary

Deutschland diskutiert erneut über Kaufprämien für Elektrofahrzeuge. Doch zentrale Hemmnisse der Elektromobilität liegen längst nicht im Fahrzeugpreis. Sie liegen in mangelnder Ladeinfrastruktur, extremen Strompreisunterschieden, struktureller Ungleichheit und steuerlichen Verzerrungen zugunsten von Firmenwagen.

Dieses Papier zeigt:
Elektromobilität funktioniert dort, wo Laden günstig und verfügbar ist – und scheitert dort, wo öffentliche Ladepunkte rar und teuer sind.
Kaufprämien verstärken diese Ungleichheit, statt sie zu lösen.

Die Zukunft der Mobilität entscheidet sich nicht an der Förderhöhe, sondern an:

  • Ladeinfrastruktur – insbesondere in Städten

  • Strompreisen, die fair und bezahlbar sein müssen

  • Zugangsgerechtigkeit zwischen Eigenheim und Mieter

  • Photovoltaik als Schlüsseltechnologie

  • vernünftigen steuerlichen Rahmenbedingungen

Kernaussage:

Die Mobilitätswende ist eine Energie- und Infrastrukturwende.
Nicht eine Prämienwende.

2. Status Quo: Fakten & Zahlen

2.1 Fahrzeuge & Ladepunkte

  • Rund 1,65 Mio. batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) in Deutschland.

  • Ca. 900.000 private Wallboxen.

  • Rund 172.150 öffentliche Ladepunkte.

  • Verhältnis: 17 E-Fahrzeuge pro öffentlichem Ladepunkt.

2.2 Nutzungsmuster

  • 70–74 % aller Ladevorgänge erfolgen zuhause.

  • 71 % der E-Autofahrer bevorzugen den eigenen Stellplatz zum Laden.

  • Öffentliche Ladepunkte spielen für den Großteil der Nutzer nur eine Nebenrolle – weil sie zu teuer und zu unsicher sind.

3. Analyse nach Nutzersegmenten

3.1 Eigenheimnutzer mit Wallbox

  • Haben Stellplatz + Wallbox → hohe Planbarkeit

  • Häufig PV → extrem niedrige Ladekosten (5–12 ct/kWh)

  • BEV höchst attraktiv, geringste Betriebskosten aller Antriebssysteme

3.2 Mieter und urbane Bevölkerung ohne Stellplatz

  • Keine Wallbox, keine PV, keine Planungssicherheit

  • Auf öffentliche Lader angewiesen → bis zu 100 % höhere Kosten

  • Zeitverlust durch Ladesuche

  • Heute strukturell benachteiligt

  • Niedrige BEV-Adoptionsrate

3.3 Firmenwagenfahrer

  • Profitieren vom steuerlichen 0,25%-Modell → massiver Vorteil

  • Laden meistens zuhause oder am Unternehmensstandort

  • Überdurchschnittliche BEV-Quote in Firmenflotten

  • Aussagekraft gering für „normale“ Nutzerbedingungen

3.4 Außendienst

Plausible, aber nicht belegte Annahme:

  • Hohe Kilometerleistungen

  • Zeitdruck

  • Unplanbare Strecken

  • -> BEV im Außendienst weiterhin selten, Verbrenner dominiert

  • -> BEV-Firmenwagen spiegeln NICHT reale Nutzungsszenarien im intensiven Geschäftsbetrieb wider

3.5 Poolcars und Managementfahrzeuge

  • Kurze Strecken, planbare Einsätze

  • -> ideal für BEV

  • -> stark überrepräsentiert in Statistiken

4. Energieökonomie: Der wahre Hebel

4.1 Strompreisdifferenzen

  • Haushaltsstrom: 0,38–0,40 €/kWh

  • Öffentlich AC: 0,39–0,59 €/kWh

  • Öffentlich DC: 0,69–0,79 €/kWh

  • Industriestrom: 0,16–0,18 €/kWh

  • PV-Stromgestehung: 5–12 ct/kWh, Überschussladen ≈ 0€

Schlussfolgerung:

Ein E-Auto im Eigenheim ist unschlagbar günstig.
Ein E-Auto in der Stadt ist oft das Gegenteil.

4.2 Photovoltaik als Schlüsselfaktor

  • 40–50 % der BEV-Fahrer nutzen PV-Strom.

  • In Eigenheimflotten bis zu 70–76 %.

  • PV reduziert reale Mobilitätskosten um bis zu 90 % im Vergleich zu öffentlichem Laden.

  • PV + Wallbox = die kostengünstigste Form der Mobilität im privaten Sektor.

4.3 Politische Bedeutung von PV

Ohne Photovoltaik in Städten gibt es keine faire urbane Elektromobilität.

PV ist die eigentliche „Ladeprämie“.

5. Infrastrukturdefizit: Beispiel München

Wenn München 50 % seiner ~760.000 Pkw elektrifizieren würde, ergäbe das:

  • ~380.000 BEV

Erforderliche Ladepunkte je Szenario:

ZielniveauVerhältnisErforderliche Ladepunkte
Minimum17:1~22.000
Politikziel15:1~25.000
Alltagstauglich10:1~38.000
Komfortabel7:1~54.000

Vorhanden: 1.200–1.400.

Die Diskrepanz ist so groß, dass jede Kaufprämie wirkungslos verpufft.

6. Politische Fehlanreize: Warum Kaufprämien scheitern

6.1 Kaufprämien adressieren die Falschen

  • Sie fördern v. a. jene:

    • mit privater Wallbox

    • mit PV

    • mit Eigenheim

    • mit Firmenwagen-Vorteilen

  • Sie wirken kaum dort, wo der Engpass tatsächlich liegt:
    → Mieter
    → Städter
    → Laternenparker
    → Normalverdiener

6.2 Kaufprämien lösen kein strukturelles Problem

Kaufprämien senken den Kaufpreis.

Aber Elektromobilität scheitert nicht am Kaufpreis –
sie scheitert an der Nutzung.

6.3 Fehlverteilung von Steuergeldern

  • Milliarden fließen in Autos, statt in:

    • Ladepunkte

    • Strompreisfairness

    • urbane Infrastruktur

7. Leitthese

Elektromobilität wird dort angenommen, wo Laden günstig, sicher und verfügbar ist.

Deshalb muss Deutschland in Ladeinfrastruktur und Strompreise investieren –
nicht in Autoprämien.

8. Politische Handlungsempfehlungen

8.1 Ladeinfrastruktur-Ausbau (Städte zuerst)

  • AC-Laden an Straßenlaternen

  • Quartiersgaragen mit Standard-Wallbox-Installationen

  • Verpflichtung für Parkhäuser

  • Standard für Neubauten

  • Ziel: 7–10 Fahrzeuge pro Ladepunkt

8.2 Strompreispolitik

  • Deckelung des öffentlichen Ladenstroms auf Haushaltsstromniveau

  • Abschaffung der extremen Tarifaufschläge

  • Förderung PV-gekoppelter Ladepunkte in Städten

8.3 PV-Offensive für urbane Räume

  • Reform Mieterstrom

  • PV-Pflicht bei Dachsanierungen

  • Fassaden-PV fördern

  • Gemeinschaftliche Quartiers-PV-Anlagen

8.4 Firmenwagenpolitik modernisieren

  • 0,25%-Vorteil nicht abschaffen – aber sozial ausgleichen
    → z. B. durch Ladeinfrastrukturprogramme für Mieter

  • Unternehmen an Quartierslösungen beteiligen

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